Die Taugenichts-Therapie

Gesund durch kontrolliertes Nichtstun:
Reha in Bad Heimbleib!

… mit Goethe-Diät und Epikur-Kur

Die meisten Leute, die von einer Kur nach Hause kommen, brauchen erst mal Urlaub. Dass die Hauptziele einer Reha-Maßnahme – Regeneration der Kräfte, Heilung der Erkrankung – meist nicht oder nur teilweise erreicht werden, liegt vorwiegend an einem funktionalen, separierenden Gesundheitsverständnis. Dabei sind wir (immer noch) keine Apparate, sondern in erster Linie Gefühlswesen; verstaut in einen Betonblock in Krankenkassen-Optik, belästigt von egozentrischen Mitpatienten, entnervt durch miserables Essen, reagiert der Mensch zunächst mit Aggression, dann Resignation, schließlich Depression.

Die TAUGENICHTS-THERAPIE setzt dementgegen auf Selbstheilungskräfte, die durch eine Kombination aus Verzicht und Annehmlichkeiten geweckt werden. Verzicht bedeutet dabei zumeist, sich jedwedem Druck zu entziehen, auch dem durch Ärzte und Therapeuten, vor allem aber dem durch Arbeit und Alltagshektik verursachten. Annehmlichkeiten verschaffen wir uns durch denkbar einfache Maßnahmen: ausruhen, spaziergehen, etwas Gymnastik, ein paar Gesundheitspräparate, gutes Essen, ab und zu ein Gespräch.

Kur im Lateinischen sowie Therapie im Griechischen bedeuten helfen, heilen, für jemanden sorgen. Lassen wir die Einsicht gelten, dass jeder Mensch vor allen anderen sein eigener Experte ist, geht an der TAUGENICHTS-Autotherapie kein Weg vorbei. Inwieweit wir doch noch auf bewährte Hilfen aus Medizin und Psychotherapie zurückgreifen, muss individuell entschieden werden. Der Taugenichts, wir erinnern uns an Eichendorffs Novelle, wird freilich nur von anderen so gesehen; seine Klugheit und unbekümmerte Weise der Welterkundung erscheint den Spießern in ihrer durchrationalisierten Welt vor allem als – Faulheit, als Bummelei. Doch auch Herumbummeln will gelernt sein!

Werden wir persönlich. Nach 25 Jahren Brennpunktarbeit, 30 Büchern, 35 Theaterstücken und 4000 Zeitungsartikeln bin ich mit meiner Kraft am Ende. Und hätte trotzdem so weitergemacht, ohne den Schicksalsschlag, der – wie bei den meisten, sonst bringt man’s ja nicht fertig – für das Innehalten ausschlaggebend war. Umtriebigen Menschen fällt der Schritt hin zu mehr Ruhe in der Lebensführung alleine meist schwer. Im Kern geht es um so etwas wie Bekehrung: zur Muße, zur Ruhe. Aus dem Grund habe ich mich an einen Bekehrungshelfer gewandt, nennen wir ihn Dr. Ferenc. Es handelt sich um einen Hovawart-Mischling, der schon früh das unspezifische Herumliegen vervollkommnet hat – insofern ein Vorbild für alle Gestressten und Selbst-Überforderer. Außerdem braucht er noch Bewegung und Nahrung, damit hat sich´s dann aber auch.

Unter Zuhilfenahme von Dr. Ferenc sowie einigen Autorinnen und Autoren aus Medizin, Kunst und Geistesgeschichte habe ich eine mehrstufige Selbst-Therapie entwickelt, die ich in den nächsten vier Wochen an mir selbst erprobe. Der Therapieplan ist immer gleich, zumindest Montag bis Freitag; am Wochenende kommt Familie. Vorbereitungen sind keine nötig. Manches, was in aufwändigen Kuren geschieht, übertragen wir auf unsere bescheidenen Verhältnisse: Die Grünanlage oder das nahegelegene Wäldchen ersetzen den Kurpark, der Esstisch den Speisesaal und die Badewanne das Wellness-Zentrum.

Der Selbsttherapieplan

8              Frühstück
8.30         Hundespaziergang
9.30         Ruhe, Gymnastik
10            Schreiben oder Musizieren
11            Pflichten (Einkaufen, Haushalt …)
12            Kochen, Mittagessen, Mittagsschlaf
13.30      Hundespaziergang
14.30      Ruhe, Gymnastik
15            Kaffee, Lesestunde
16            Pflichten, Außenkontakte telefonisch und E-Mail
17            Musikstunde
18            Hundespaziergang
19            Kochen, Abendessen
                Besuch oder Baden
22            Hundespaziergang
22.30      Lesen oder Dokuschauen
0.00         Gute Nacht

Hintergrund 1: Die Goethe-Diät

Was gemerkt? Der Titel ist Quatsch. Goethe hat keine Diät gehalten, nicht mal so richtig während seiner Kuraufenthalte, es sei denn, man will seinen weitgehenden Verzicht auf Bier und Kaffee hier anführen. Ersteres muss er mit schlechten Erfahrungen während seiner Leipziger Studienjahre in Verbindung gebracht haben, wobei das dortselbst genossene „Gosen“ nicht weniger sauer ist als Frankfurter Ebbelwei. Kaffee ermüdete ihn (!), vor allem nach dem Essen genossen und dann noch mit Milch. Zum Tee äußert er sich weniger Gender-gerecht: „Und doch, was sollen die Frauen ohne ihn anfangen? Das Teemachen ist eine Art Funktion, eine eingebildete Tätigkeit. Besonders in England. Da sitzen sie behaglich umher und sind weiß und sind schön und sind lang, und da müssen wir sie schon sitzen lassen.“

Gemeint ist in unserem Fall selbstverständlich das Lebensbejahende des Speisengenusses, verbunden mit ein paar Anregungen aus dem Haus am Frauenplan in Weimar, von Tante Melber am Hühnermarkt und vom Mütterlein, „Frau Aja“, deren Frankfurter Küche als exemplarisch gelten darf. Dieser entstammt etwa ein Frühlingskräutersüppchen, mit dem der kleine Johann Wolfgang bewiesenermaßen regaliert wurde. Ob die Grüne Soße, die fast aus denselben Kräutern besteht, aber kalt gefuttert wird, tatsächlich sein Leibgericht war, bezweifelt die Forschung.

Vielfach belegt ist demgegenüber ein weiteres Element, das den Olympier als Dionysiker ausweist. Immer wieder warnen Forscher vor den Folgen des Weinverzichts. Man wird unleidlich, mürrisch, unduldsam gegen den Rest der Schöpfung … und schließlich gegen sich selber. Andererseits (welch eine Erkenntnis), sollte man Goethe, der seine eins bis drei Flaschen schon zum Mittagessen brauchte, nicht in allen Punkten imitieren. Wir empfehlen das Achtel zu Mittag, das Viertel zum Abendschmaus, und wenn es zur Nacht noch ein Gläschen sein darf – warum denn nicht.

Ansonsten pflegen wir den grün-konservativen Rückgriff auf Gepflogenheiten der Großeltern: sonntags Fleisch reicht völlig, vielleicht noch einmal unter der Woche Wurst oder Schinken und etwas Fischiges. Wir operieren nicht mit Power-Food, schwärmen nicht für Steinzeit-Typen, verputzen auch nicht nur Hirse und Quinoa. Wir gehen lieber – Teil der Taugenichts-Therapie – auf den Markt. Und schauen uns da mal um.

Hintergrund 2: Die Epikur-Kur

„Medice, cura te ipsum!“, Arzt, heile dich selbst, ist eine der lateinischen Maximen, die gern zitiert werden, wenn man angeben oder seinen Hausarzt ärgern will. Die Erkenntnis, die dahinter steckt, wurzelt in gleich mehreren Philosophien der Antike. Auch wenn uns persönlich die Humanistische Skepsis näherliegt, erscheint für die momentanen Zwecke der ebenfalls halb zu Tode zitierte Epikur dienlich. Mit seinen Schülern versammelte sich der im weinreichen Samos Geborene so oft das Wetter es zuließ, und meist war das der Fall, denn wir befinden uns in Griechenland, im Kepos, also im Garten. Man war der Ansicht, das Seelenheil sei im Diesseits zu suchen, drum widmete man sich der Eudaimonie, dem Lebensglück.

Ziel ist, wie bei anderen philosophischen Richtungen auch, die Ataraxie, also die Gemütsruhe. Angst, Schmerzen und unnütze Begierden gilt es tunlichst zu vermeiden. Hierzu dient die Phronesis, die Einsicht, eine Form von daseinslustiger Vernunft. Wir sehen also ein, dass Trinken, Essen und Wärme Grundbedingungen unserer Wohlgestimmtheit sind. Andere Lüste wirken schon wieder viel komplizierter und schlagen oft ins Gegenteil aus. Um überhaupt etwas Positives empfinden zu können, braucht man Unabhängigkeit; diese zu bewahren, wo immer es möglich ist, bedarf einiger Übung.

„Gnoti seauton!“, erkenne dich selbst, lautet eine weitere antike Maßregel, anderthalbtausend Jahre später aufgeschnappt von Leuten wie Michel de Montaigne, welche die Kunst der Selbstbetrachtung fortschrieben. Abermals ein halbes Jahrtausend später heißt es: „Du hast nicht angehalten“, Leitmotiv eines Theaterstück von T.S. Eliot. Gemeint ist konkret: Ein Autofahrer hat jemanden überfahren und tritt nicht einmal hinterher auf die Bremse. Und symbolisch: Ohne den Akt der Selbstvergewisserung („Was mach ich hier eigentlich?“) ist keine Sinnerfahrung möglich.

Demgemäß versuche ich Rechenschaft abzulegen, indem ich mir täglich eines meiner Bücher vorknöpfe und eine Selbst-Kritik verfasse. – Die Epikurkur ist eine Kulturkur. Sie nutzt Elemente aus Schreib-, Musik- und Kunsttherapie. Viele Menschen, denen in jungen Jahren die Musik alles bedeutet hat, legen diese schöne Gewohnheit ab, sobald es stressig wird. Im Rahmen der Reha in Bad Heimbleib setzen wir uns täglich ein Stündchen hin und hören wieder einmal konzentriert, was aus der Welt der Töne so zu uns hinüberklingt.

Hintergrund 3: Der Taugenichts

Wer „Aus dem Leben eines Taugenichts“ tatsächlich noch nicht gelesen hat, hole dies bitte nach – und zwar so oft wie möglich. Nein, Handlung hat die Novelle von 1823 eigentlich nicht, ist auch nicht nötig. Dafür läuft die Prosa so beschwingt und trittsicher, dass man gar nicht anders kann als sein eigenes Lebensgefühl danach auszurichten. Der Taugenichts lässt seinen Müller-Vater allein, zieht in die Welt hinaus und fiedelt sich eins. Während die Stutzer, die Funktionseifrigen seine Mobilität in allen Dingen als Provokation empfinden, schließen ihn genussfähige, kunstsinnige Leute sofort ins Herz.

Romantik? Aber sicher. Joseph Freiherr von Eichendorffs Gesamtwerk erscheint uns heute als Gegenentwurf zur normgerechten, effizient ausgehärteten Struktur unserer Gesellschaft, worin die Vorspiegelungen von Freiheit längst der Unterhaltungsindustrie überlassen werden. Jedoch – das ist die Hauptlehre des Taugenichts (wenn er denn überhaupt eine hat) – es ist immer an der Zeit, sich aufzumachen. Jetzt im Augenblick. Oder wenigstens morgen früh.

Der Trainer

Seine Kompetenzen sind nicht zu bezweifeln. Früh hat er liegen gelernt, lange und regungslos. Doch wenn es drauf ankommt, ist er fix und ausdauernd auf den Beinen. Sein Appetit ist vorbildlich. Auch seine Beharrlichkeit: Wenn er etwas will, bekommt er’s. Also Fressen, Spazierengehen, Streicheln. Ein wahrer Lehrer, Trainer, Freund.