Buchkritik

Buchkritik Woche 2: Da geht ein Mensch

„Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht …?“ Einmal noch verschlägt es Alexander Granach nach Deutschland. Das Risiko ist hoch, er reist aus dem Exil zum Gastspiel in die Hölle. Wie oft schon zuvor spielt er den Shylock, Shakespeare, Kaufmann von Venedig. Da kommt es über ihn. Wie Granach es beschreibt in seinen Lebenserinnerungen „Da geht ein Mensch“, wendet er sich unwillkürlich ad spectatores … und formt mit der Hand das Zeichen des Bannfluchs, überliefert aus alttestamentarischen Zeiten, zeitlos gültig und nie zuvor so sehr wie diesem Augenblick.

Es ist nur eine Szene aus diesem Buch, das man als junger Mensch lesen soll, damit niemals irgendeine antisemitische Anfechtung eine Chance hat. „Da geht ein Mensch“ birgt hunderte Szenen von ebensolcher Kraft und einem Erinnerungswert, dass man gar nicht anders kann als dem Werk einen hohen erzieherischen und biografisch prägenden Wert beizumessen. Unter den selbsterzählten Lebensgeschichten aus dem 20. Jahrhundert kommt ihm allenfalls Zuckmayers „Als wär´s ein Stück von mir“ oder Zweigs „Die Welt von gestern“ nahe: was die Intensität der Schilderung, die atmosphärische Dichte, vor allem aber das Erlebte selbst anbetrifft.

Nie mehr vergisst man das: Die Kindheit des Jungen weit im Osten, geprägt von Traditionen der Aschkenasim; die Theaterwelt in und um Lemberg vor den Weltkriegen und die Theaterwelt in Berlin, als Max Reinhardt und Alfred Roller eine neue Bühnenkunst entwickeln; Granachs Begegnungen mit Berühmtheiten, Vergessenen, unbekannt Gebliebenen; den beispielgebende Mut, selbst in ausweglosen Situationen alles zu wagen und der Gewalt und der Verzagtheit nicht das Feld zu überlassen.

Wer das Theater liebt, wird beim Lesen auch bitter. Denn Alexander Granach schildert eine Epoche, als sensible Leute das Sagen hatten. Ohne es zu wollen, vergleicht man denn doch, was dieser Schauspieler und seine Zeitgenossenschaft geleistet haben, mit Darbietungen unserer Tage. Da und dort, keine Frage, kommt mal was durch, blitzt etwas auf, was an jene bis zum Äußersten erhitzte Phase der Theaterkunst erinnert, als es um die Dichtung und ihren Ausdruck auf der Bühne ging und Leidenschaft und Kenntnisse bei Darstellenden und Publikum gleichermaßen vorhanden waren. – Spätestens seit den Achtzigern sitzen bei uns die Prolls im Regiestuhl, zehrend von den Provokationen, die andere unter anderen Bedingungen gewagt haben. Jede Kindergartenaufführung zeigt heute mehr Strahlkraft als der Murks der Spießer in den Stadttheatern. Scheiße!

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