Buchkritik

Buchkritik Woche 3: Veggiestan

Am Anfang vieler bedeutender Siege stehen völlig unbedeutende Niederlagen (oder war´s umgekehrt?), das ist bei Kochbüchern nicht anders. Niemals, so hatte ich mir in die Hand versprochen, würde ich in diesem Jahre noch eins kaufen! Erst mal durchkochen, was da ist. So. Und dann das: Geburtstagsgeschenk für eine Vegetarierin. Eine Buchhändlerin, die meinen Geschmack etwas zu gut kennt. Schließlich – Sally Butcher. Oh Mensch, was für ein herrliches Werk: Veggiestan! Alles haben die aufgeboten, dass man´s nicht im Regal stehen lassen kann. Sogar Samt in die Titelseite eingearbeitet. Muss das sein?

Muss nicht, passt aber zum über die Maßen rezeptionswürdigen Inhalt. Allein die Brot- und Fladenrezepte lohnen den Erwerb. All die Tunken und Sößchen, die man schon immer mal machen wollte, aber „nur“ die komplexen Interpretationen von Ottolenghi et al. zur Verfügung hatte … Zauberische Einblicke in die (mir) bislang unbekannte afghanische Küche … Suppen und Süppchen, die einen den nächsten Spätherbst herbeiflehen lassen … Aber nein, da sind ja 200 Ideen, wie man mit Salaten und ähnlich frischem Zeugs über den hitzigsten Sommer kommt …

Die Aufmachung, wie erwähnt, ist red-dot-award-würdig. Die Fotos? Erwartungsgemäß perfekt, teils gar noch inniger animierend als üblich. Vor fast allem aber dies: Sally Butcher kann im Gegensatz zu fast allen Kochbuchschreibenden – schreiben! Die Kenntnisse der Londoner Einzelhandelsfrau sind nicht nur abgründig, sie werden auf charmante und mitunter ironische Weise präsentiert. Ab und zu bekommt man auch mal eine um die Ohren gehauen, aber dann hat man´s auch verdient: „Was? Sie wissen nicht mehr, wie man eine Hollandaise macht? Kinderspiel: ein Eigelb, einen Teelöffel Senf und den Saft von einer Zitrone in den Mixer geben, einschalten und etwa 75 Gramm zerlassene Butter einträufeln, bis sich eine goldgelb glänzende Emulsion gebildet hat. Fertig.“

„Veggiestan“ ist ein im besten Sinne kulturhistorisches Buch, es gibt so viel, dass wir verstehen können, was wir da kochen. Dazu sind Anekdoten aus dem Orient dienlich, in Tagen der öffentlichen Dominanz islamistischer Lebensfeinde eine unbedingte Wohltat. Kannten wir den schon?: Borgt sich ein armer alter Ägypter Geld, um Eier zu kaufen. Die will er gewinnbringend in der Stadt veräußern. Während er am Ufer auf die Feluke wartet, träumt er, wie er das Geld immer besser investiert, bis er sich sogar einen eigenen Diener, den er bei Bedarf so richtig treten kann, besitzt. Der vorfreudige Impuls verleitet ihn dazu, kräftig auszutreten. Natürlich trifft er den Eierkorb, und der plumpst in den Fluss.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.