Buchkritik

Buchkritik Woche 4: Albergo Italia. Meine italienische Reise

Saßen Sie vielleicht einmal in Venedig in einem Restaurant, Touristenfalle oder auch nicht, und auf einmal kam ein halblanghaariger Mann auf Sie zugeschossen und flehte Sie an: „Bitte, essen Sie das nicht! Trinken Sie nicht diesen entsetzlichen Wein!“ Sollte Ihnen dergleichen widerfahren sein – Sie waren gewiss noch jung und hatten kein Geld und Italien-Erfahrung schon mal gar nicht –, so sind Sie Guido Ceronetti begegnet. Er war so einer, der sich nicht scheute, auf Missverhältnisse aufmerksam zu machen; mit allem, was ihm zu Gebote stand.

Und das war viel, unglaublich viel … und doch wieder genau so viel wie es sich für einen Poeten gehört. Der Korankenner Ceronetti übersetzte Teile der Bibel neu ins Italienische, aber auch lateinische Dichter, er war ein virtuoser Marionettenspieler, Vegetarier, Fußgänger, Liebhaber alles Schönen, gründete das „Theater der Sensiblen,“ wo er eigene Stücke auf Italienisch, Französisch und Hebräisch aufführte. In Deutschland liefe man Gefahr, bei einem solchem Wagnis allgemein verspottet oder – Usus im reizarmen Establishment – schlicht ignoriert zu werden. Ceronetti war mit Mario Soldati und dem Verleger Einaudi befreundet; letzterer gab Anfang der Achtziger zwei Bücher heraus, die in der vorliegenden Übersetzung zusammengemurkst wurden. Was soll´s, immerhin haben wir ein bisschen Ceronetti auf Deutsch.

In der Einschätzung der Auswirkungen der Amerikanisierung auf Italien war er sich mit dem Kollegen Pasolini einig: „Was früher ein Volk von Verlierern war, von würdevoll Gebeugten, besteht heute aus hoffnungslosen Idioten.“ Wo der mitten im melancholischen Märchen Turin Aufgewachsene auch durchreist, es gibt nur noch Reste aufzusammeln: von einem Italien der Einfachheit, des stillen Verfalls, der Weitergabe von unerlässlichen Kenntnissen. Der industrielle Ausbeuter hat gesiegt, von den Alpen bis nach Sizilien … und weit darüber hinaus. Wozu noch leben?

Es wäre zu einfach, in Ceronetti einen Kulturpessimisten zu sehen, einen Rückwärtsgewandten auf der Suche nach der Alten Welt. Der Mann war Avantgardist durch und durch, eben kein schnöder Profiteur, der davon lebt, Gesten nachzuahmen. Der sich am Geschmack einer sonnenwarmen Feige mehr berauschen konnte als andere an 12-Gänge-Menüs, litt am Scheitern einer Hochkultur der Empfindsamkeit. „Die Wahrheit ist, dass ich manchmal die Scham, zur Menschheit zu gehören, kaum ertrage.“

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