Buchkritik

Buchkritik Woche 5: Wolfszeit

Die Ausbeutung von Geschichte als ethische Lehranstalt für Nachgeborene hat mir schon in der Schule nicht gefallen. Beständig wurde die Formel „Damit so etwas nicht wieder passiert!“ nachgebellt – das kam mir vor wie eine zweite Verhöhnung der Opfer. Sollte ihre Qual jetzt auch noch für irgendetwas gut sein? Eine nette Geste uns gegenüber, mit dem einzigen Zweck, dass wir „daraus lernen?“ Ziemlich ekelhaft. Erinnerung ist etwas anderes, wenn sie mit Pietät und Würde einhergeht; das bedeutet auch, dass man die Schrecken der andern nicht mehr loswird.

Harald Jähners „Wolfszeit“ leistet für die jüngere Geschichtsschreibung, was Billy Wilders „A foreign affair“ für den Nachkriegsfilm bedeutet: Wer sich damit auseinandersetzt, erhält einen unmittelbaren Einblick in die  Atmosphäre dieser Zeit. Zusätzlich erfährt man bei Jähner nicht nur jede Menge Unerhörtes; auch und gerade jene Sachverhalte, über die man sich unterrichtet glaubte, schildert er mit einer solchen Faktenfülle, dass man bald zu dem Schluss kommt: Man wusste gar nichts bislang.

Der Kulturjournalist erzählt von den 40 Millionen Menschen in Deutschland, die nach Kriegsende nicht dort waren, wo sie hinsollten. Über das (Gefühls-)Leben der displaced persons, der Ausgebombten, der Vertriebenen und der „Heimkehrer“ erfahren wir Details, die haften bleiben werden. Ohne zu bewerten, schildert Jähner auch den unendlichen Spaß, der aus neu gewonnenen Freiheiten kam: Modenschau im zerbombten Café; Jazztanz im Keller; Liebeleien zwischen Menschen, die ohne die diabolische Epoche niemals zueinandergefunden hätten …

Einzigartig seit Jahrzehnten ist der Stil. Geschichtsschreibung, wie sie sonst englischen Historikern nachgerühmt wird: profund, doch voller Formulierungskunst, klugen Metaphern, manchmal abgründigem Humor. Kein Wunder, dass Jähner gleich zu Beginn auf Kurt Kusenberg zurückgreift, der sich schon 1952 nach der Räuberehre in der Trümmerwüste sehnte – fort von jenem „gusseisernen Gewissen“ der frühen (und späteren) Bundesrepublik, deren Kleinbürgertum in „Wolfszeit“ als „misstrauische Heimeligkeit“ charakterisiert wird. Die so oft gestellte Frage, wo wir herkommen, ist mit diesem Buch beantwortet.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.