Buchkritik

Buchselbstkritik 27: Cuisine Étoilée

Mal stand ich im Regen, mal nächtigte ich in der Fürstensuite, mal lief ich fünfzehn Kilometer durch den Schwarzwald ohne Frühstück, mal wurde ich mit der Equipage abgeholt; in Bad Bubendorf führte ich die Interviews, während zahllose Hauptgänge, Zwischengänge, Vorgänge anrollten und nie für möglich gehaltene Weine mich delektierten, in Brenner´s Park Hotel wartete ich stundenlang auf dem Gang und kaufte mir schließlich einen Kaffee. Wenige Meter entfernt wiederum, im Jardin de France, lud der Maître zu einem Mittagsschmaus für Zaren – aus lauter Freude über das Werk: Cuisine Étoilée, ein megalomanisches Projekt vom Verleger Thomas Lindemann. Und mir. Zwei Jahre lang war ich dafür unterwegs. Interessanter als das Endprodukt wäre vielleicht nur das Making of …

„In Zeiten, da die alten Vermittlungsinstanzen Theater, Literatur und bildende Kunst vor ihrem Publikum mitunter hermetisch sich verschließen, rücken Genusshandwerker in die Rolle von Identitätsstiftern auf. Wie ihre Brüder im Geiste einer neuen Lebenskunst, die Qualitätswinzer, finden sich die Sterneköche mit einem Male in der Rolle von Stars: geliebt, bewundert – und auf Schritt und Tritt beäugt. Der Begriff „Kochkunst“ gewinnt neue Bedeutung. Ein Kriterium, das die Besten von den Guten unterscheidet, besteht neben perfekter Technik und Organisation mit Sicherheit im Geheimnis der Inspiration. Es ist eben eine andere Sache, ob ich mich in einem Landgasthaus an einer gut gekochten frugalen Speise erlabe (was durchaus immer ein löbliches Unterfangen ist) oder den Aroma und Harmonie gewordenen Kreationen eines Kochkünstlers begegne. Diese Begnadeten singen mit Seezungen, sie malen mit Blumenkohl, dichten mit Salbei, denken mit Trüffeln, komponieren mit Rebhühnern und dirigieren mit jungen Frühlingszwiebeln! Die Produkte des gesamten Schöpfungsgartens werden ihnen zu Manualen, worauf sie ihre genießerischen Lieder der Verführung intonieren.“

Das Buch ist vor allem für Reiche geschrieben. Merkt man am Stil, oder? So … soigniert. Überpoiniert. Doch auch jene, so dachten wir, die ein Jahr lang auf ein Menü im Trois Rois zu Basel sparen, könnten Gefallen finden an pompöser Ausstattung, Höchstglanzfotos und Rezepten. Und an den gastrosophischen Gedanken und kulturhistorischen Exzerpten. 1000 Seiten. Wir vermeiden den Begriff Bibel. Evangeliar hab ich´s allerdings schon geheißen. Codex Gigas ginge auch. Wann folgt Auflage 2?

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