Buchkritik

Buchselbstkritik 28: Mäusejagd im Schlosshotel

Kinder mit Fantasie haben es ja nie ganz leicht. Kaum sind sie eingeschult, wird ihnen eine Art Teilbehinderung attestiert, ohne dass sie den geringsten Nachteilsausgleich für sich geltend machen könnten. Ihr Leiden an einer Welt ohne Könige und Drachen stößt auf Unverständnis, umso mehr, wenn sie ihre privaten Lösungsmechanismen entwickeln und im Schulflur unsichtbare Gegner mit unsichtbaren Schwertern bezwingen. Eltern mit Verständnis unternehmen denn schon mal ab und zu einen Sonntagsausflug zu einer Ritterburg oder ins Jagdschloss des auf der Jagd verunglückten Herzogs Eberhard.

Aber der Herzog ist ja nicht mehr da. Sein Gefolge? In alle Winde zerstoben! Worauf das kindliche Gemüt trifft, sind Ritterrüstungen, aufgereiht nach Produktionsdatum; Hirschgeweihe an Ahnenporträts; Alltagsgegenstände aus Keramik. Na toll. Von der alten, der glanzvollen Welt der Märchen und Sagen ist hier gar nichts mehr am Leben.

Wie anders, wenn besagte Eltern ein Stück atmende Vergangenheit dem karrieregefährdeten Sprössling darbieten, indem sie, eine Nacht in einem Grand Hotel buchen. Oder höchstens zwei – es sei denn, man gehört zur High Society, und dann gibt es sowieso nichts Besonderes mehr auf Erden. Tatsächlich, die pompöse Präsentation, Portiers und Pagen, monarchische Bankette, vielsprachiges Stimmengewirr, Pianomusik aus der Bar, alles zusammen verschafft den Nachkommen noch einmal einen leibhaftigen Eindruck, wie sie gewesen ist, die Welt vor 1914 – freilich nur für die oberen 5 %.

Nichts anderes war die Grundidee zur „Mäusejagd im Schlosshotel“, weiter ausgefeilt von dem bedeutenden Maler Ivan Gantschev, der dann leider nicht den Auftrag bekam, aber was heißt leider: Daniel Müller hat die Optik des Luxus´ genau studiert und ein wimmelbuchartiges Panorama gezeichnet, Seite um Seite. Die Handlung ist egal: Kindern schlüpft ihre Maus davon und wips! hinein und durch alle Etagen des Schlosshotels. Der Hoteldirektor in Panik hinterher. Bitte achten Sie auf seine Schuhchen!

Das Kinderbuch, im Züricher Nord-Süd Verlag erschienen, wurde in alle möglichen Sprachen übersetzt, Englisch und Französisch von Anfang an, es folgten Chinesisch, Dänisch … und mehr hab ich nicht mehr davon mitbekommen. Für Dramatik sorgt einzig der beleibte Hotelkater. Doch keine Bange, liebe Kinder, das Happy End ist garantiert!

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