Buchkritik

Buchselbstkritik 29: Das Beste aber ist das Wasser

Eine Unternehmensbiografie schreiben? Da hab ich aber Glück gehabt. Denn das Element Wasser ist ja ein dankbares. Nicht auszudenken, hätte Herr E. in den späten 60ern eine Verpackungsfirma gegründet … Aber seine Erfindung veränderte das Pumpengewerbe. Wenige Jahre nach der Tüftelei in einer Garage sehen wir den hochaufgeschossenen jungen Mann über Staustufen in Wüstenstaaten flanieren. Eine internationale Karriere mit anschließendem Verkauf des Unternehmens. Auch ein Roman wäre möglich gewesen, aber Herr E. wollte der Belegschaft etwas anderes schenken. Etwas Persönliches, mit vielen Fotos drin.

Für einen naturwissenschaftlich Minderbegabten wie mich stellte es immer wieder eine Herausforderung der eigenen Art dar, mich mit Spezialisten aus den Disziplinen Physik und Chemie zu unterhalten. Nicht selten mussten sie zu Metaphern greifen, um mir so ungefähr zu erläutern, welches Thema gerade verhandelt wird. Die Interviews fanden in Herrn E.s durchaus geräumiger Villa mit Blick über die Rheinebene statt. Rührend: in einer Vitrine lächelte das Ur-Pümpchen still vor sich hin, wohl wissend, dass es den Anfang darstellte. Den Anfang eines Weltkonzerns.

Bei alledem, was ich über Mitarbeiterführung, Unternehmenskultur, Produktoptimierung und –design erfuhr, war die Quintessenz so verblüffend wie erwartungsgemäß: es dominierten Emotionen. Als der Wirtschaft ferne stehender Mensch ist man ja meist geneigt, diesen Erfolgsleuten eine gewisse Kühle und seelische Zugerichtetheit zu unterstellen. Wie sehr – zumal in der Rückschau – ein jeder Schritt und Rückschritt aufgeladen ist mit fundamentalen Empfindungen, bleibt faszinierend: die Fassungslosigkeit und Freude angesichts der Neu-Entwicklung; Hochspannung beim Ausprobieren innovativer Techniken; Nervosität bei Geschäftsabschlüssen; Angst bei internationalen Krisen; Trauer schließlich beim Abschiednehmen …

Keine Frage, aus einem Auftrag, um Geld zu verdienen, wurde binnen kurzem ein mit Leidenschaft, Interesse und Engagement betriebenes Schreib-Projekt. Als das Buch in ausgesprochen würdigem Rahmen präsentiert wurde, durfte auch ich ein paar Worte sprechen. Angesichts des Wohlstands ringsumher schien es angezeigt, an die Geschichte jenes griechischen Philosophen zu erinnern, der einen durstigen Wanderer beobachtet, wie er mit den Händen Wasser schöpft. Begeistert schmeißt der Denker seinen letzten Besitz, eine Trinkschale, in den Fluss.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.