Buchkritik

Buchselbstkritik Woche 1: Dragoner wider das Morgenlicht

KLAPPENTEXT: Im nebelfeuchten Niemandsland zwischen Nordhessen und Niedersachsen vegetiert seit Jahrhunderten eine Großfamilie unbekannter Abstammung vor sich hin. Unbehelligt von der Außenwelt, entwickeln die Sippen-Mitglieder sonderbare Riten. Um ein Stigma abzuwenden, entsendet man den Schweinehirten Kotmüller, den Begabtesten der Familie, in die Großstadt F.: Er soll eine ansehnliche, doch gutherzige Frau heimführen – in der Hoffnung auf erfreulichere Nachkommenschaft.

Ausgestattet mit dem Wertekodex des 19. Jahrhunderts, trifft der bedauernswerte Tölpel auf eine durchgestylte Zeitgenossenschaft. Er schlägt sich durch als Tierhälftenträger, Kehrmaschinenfahrer, Gartenbauhelfer, Desinfektionsexperte. Durch Zufall stößt Ulf auf die Spuren einiger Ahnen, die sich einst als Geheimbund „Dragoner wider das Morgenlicht“ der Vernichtung von Schönheit widmeten. Gemeinsam mit Kollege Olim und der widerborstigen Fleischereifachverkäuferin Hilke gründet der Gesandte einen Freischärler-Bund, der sich ähnlich hohen Zielen widmet wie die Vorfahren: Dreck-Attacken auf Eliteschulen, Medienkonzerne, Designerläden, Banken zeitigen bald schon eine gewisse Wirkung. – Huckes Außenseiter- und Schelmenepos lässt sich als Parabel auf das alte und das allerneueste Deutschland lesen, verflochten durch unheilvolle Strukturen, groteske Zwänge und eine die Grenzen der Vorstellung sprengende Liebe zum Unwirtlichen.

Ganz ehrlich: Würdet Ihr das kaufen? Ich schon. Ich würde es sogar lesen. Erst einmal aber müsste ich es schreiben. Dazu fehlt es mir seit Jahren an Muße. 150 Seiten hab ich schon. Es müssen aber 550 werden. Da geht kein Weg dran vorbei. Der Plan steht. Der Mäzen fehlt. Es dürfte auch eine Mäzenin sein. Sogar ein ausgedienter Fürst aus dem Geschlecht der Merowinger. Ich nähme alles. Denn gar zu gerne möchte ich die Dragoner reiten lassen … Enden wir mit dem Anfang:

Seit jeher zeichnen sich die Mitglieder unserer Familie durch eine bestürzende Hässlichkeit aus. Wie es scheint, gelang es über die Jahrhunderte hinweg niemandem, sich mit einem auch nur halbwegs ansehnlichen Exemplar der menschlichen Gattung zu verpaaren; dennoch – vielleicht aus einem abgründigen Trotz heraus – vermehrten wir uns stets mit einem Ungestüm, das die Zeitgenossen schaudern machte: Oh Himmel, nicht noch mehr von dieser Sorte! Aber wir wurden immer mehr, und wir dehnten uns aus über die Länder, wobei wir, die Ortstreue muss noch heute Wunder nehmen, im Wesentlichen nur über drei Gegenden herfielen, die in ihrer Kümmerlichkeit unserer Veranlagung durchaus entsprachen. Hier wurden die Hauptlinien sesshaft …

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