Buchkritik

Südpfalz Weinlesebuch

Seit dem Codex Gigas aus dem frühen 13. Jahrhundert hatte es ein solches Wagnis nicht mehr gegeben. Im Falle der Südpfalz war das nicht anders möglich; in ein Oktavheft hätte sie nicht hineingepasst. Es war der Versuch, Form und Inhalt ein vielleicht letztes Mal (…) miteinander in Einklang zu bringen. Von wegen letztes Mal: Dieses Jahr zwischen Wissembourg und Diedesfeld hat uns wirklich gefordert. Nicht nur einmal (stimmt´s, Gert?) mussten ganze Kohorten Schutzengel ausrücken, um uns wohlbehalten nach Hause zu geleiten. Auf den Orden warten wir noch heute. Die Schutzengel vermutlich auch.

„Anstatt nur eine Bratwurst zu bestellen, ordert der gemeine St. Martiner, Edenkobener, Klingenmünsterer zu seinem „Pärle“ gleich noch einen Leberknödel dazu („Schiefer Sack“ heißt das), verzichtet dabei weder auf Kraut noch Bratkartoffeln, um sich kaum zwei Stunden später in der Pfälzer Waldvereinshütte an einem schneidbrettgroßen Streuselkuchenstück zu delektieren.“

Das Buchzitat fasst so ungefähr zusammen, wie es zugeht, wenn in der Südpfalz gelebt wird. So barock geht es höchstens noch in Franken zu. Ein Überschuss an prachtvollster Laune begleitete die Recherchearbeiten. Siebzig Winzerinnen und Winzer und ungezählte Gastronomiebetriebe haben wir aufgesucht, um Wesen und Wirklichkeit des Landes aus der Binnenperspektive zu ergründen.

Noch ein Zitat? Aber gerne. Nicht von uns, sondern von einem der einflussreichsten Weinbereiter, die Deutschland gesehen hat, nämlich Hans-Günter Schwarz aus Albersweiler, dem wir im übrigen auch die Formel vom „kontrollierten Nichtstun“ verdanken: „Der Pfälzer verabschiedet sich und bleibt.“ Das Schöne daran, er oder sie lässt sogar Nicht-Pfälzerinnen und Pfälzer an seiner Lebenskunst teilhaben. Die Gastfreundschaft ist allgemein.

Jetzt hätten wir beinahe vergessen, an etwas rumzumeckern: Besagtes Standardwerk ist viel zu dünn! Eine zwölfbändige Ausgabe, Jahr um Jahr um einen weiteren Klopper ergänzt, hätte dem Thema weitaus mehr entsprochen. Es ist unglaublich, wie viele fabelhafte Weingüter seit 2009 in die Spitze mitaufgerückt sind … In dem Zusammenhang fällt uns ein: Ausnahmsweise könnten wir ja mal an den Vielgepriesenen herummäkeln. Dass es nämlich zu keiner zweiten Auflage gekommen ist, verdankt sich dem mangelnden Engagement auf Winzerseite. Vielleicht macht gar zu viel Erfolg denn doch ein wenig selbstzufrieden …

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