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Tageskarte 18: Matjes mit Dill

Austern, in der eigenen Schale gegart, Karpfen in Köstritzer Schwarzbier, gebackene Forellen mit knuspriger Petersilie, Hecht überbacken als Ragout mit Muscheln oder gespickt mit Sauerkraut … Hering? Weitgehend Fehlanzeige. Zu Johann Wolfgangs Zeiten wie noch bis tief ins 20. Jahrhundert hinein fristete der bescheidene auf den Tafeln der Bessergestellten ein Nischendasein. In Schwärmen im Meer, schwimmt billig daher … Vielleicht müssten wir noch ein bisschen weiter forschen, denn dass der Gourmet Goethe auf grüne Heringe ganz verzichtet hätte, lässt sich kaum denken. Und der Maihering, frisch von der Nordsee? Hm?!

Es ist Freitag, und wir greifen beherzt zum Matjesfilet. Aber nicht zu beherzt, sonst zerquetschen wir noch das empfindliche Gebilde. Wir schneiden´s in Stücke und geben´s in eine weiße Soße mit Saurer Sahne oder Rahmjoghurt, Senf, viel Dill, Pfeffer, roten Zwiebeln – und vergessen den Essig nicht. Was wir dazu buttern, Roggenbrot oder Pellkartoffeln, entscheiden wir nach Lust und Laune. Wer dazu etwas anderes trinkt als ein Glas Bier, kann das gerne tun. Für uns steht fest: Eins aus dem Norden soll es sein, schön hopfenherb und ohne IPA-Aromen-Terz.

„Wann ich an Hering hätte jede Frih um Sieben, / in einer weißen und sehr dicken sauren Soß …“ Für Georg Kreisler wäre dann die ganze Welt „eingetaucht in Blau“ und „die Menschen wären liebenswerte Leut´“,  sollte ihm dieser Wunsch einmal in Erfüllung gehen. Es ist eine Art Hungervision, die er da in seinen „Nichtarischen Arien“ entwirft, begleitet von einer Liebesgeige, wie sie inniger kein noch so angebetetes Menschenwesen besingen könnte.

Und noch etwas hebt clupea harengus unter den Fischigen und Fischartigen hervor: man bekommt ihn kaum irgendwo auf faire Weise dahingemeuchelt, es sei denn tot in Tomate und dann schnell die Dose drum rum. Da geht es Genossen wie Tunfisch oder sogar Kabeljau inzwischen ab und zu etwas besser. Dafür eignen sich seine Unterarten in jedem Zustand hervorragend als Schimpfwörter: Fetthering, Vollhering, Hohlhering … Aber hören wir damit auf, sonst fangen erste an, das entsetzliche Lied vom Harung und der Flunder anzustimmen, mit dem man uns zu Schulzeiten den Nerv geraubt hat.

Ernährungsphysiologisch halten wir uns ja meist betont zurück, da gibt es ausreichend Blogs, die uns heute als tod-, was gestern noch heilsbringend war, verkaufen. Dass der Hering mitsamt seinem Öl dem sudden death vorbeugt, ob er nun will oder nicht, sei immerhin erwähnt. Und der Dill? Macht bestimmt schlau und schön! Nee, hier steht´s: Hilft gegen Alpträume. Prima, her damit. Wobei allein schon die Vorstellung von „Dilltee“ und „Dillwein“ genügt, um schlaflose Nächte zu bereiten …

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