Uncategorized

Tageskarte 15: Rettichsalat auf Butterbrot

Nachwirkungen von gestern: Bleiben wir basisch. Literarisch muss ich auf einen noch unveröffentlichten Roman zurückgreifen, der im Frankfurter Stadtteil Bornheim spielt – nicht in der Berger und in den angrenzenden Villenstraßen, sondern rings um den (erfundenen) „Bumbeschwengel“, ortstypisches „Wasserhäusje“, wo es alles gibt, sogar Wasser, das aber kauft keiner, man trinkt Binding, und „die Kinner“ holen sich Gummiteufel und „Cola-Fläschjer.“ Auf der Karte steht – nichts. Denn es gibt keine Karte. Und trotzdem ist ein warmes Gericht erhältlich: Rindsworscht. Nicht irgendeine. Sondern Frankfurter Gref-Völsing. Die beste. Der Welt.

Nicht uninteressant zu wissen, dass diese Frankfurter Wurst, weniger  berühmt als die Frankfurter Würstchen, von einem Altstadt-Metzger erfunden wurde, der des Abends, bevor die Tore zum jüdischen Ghetto verschlossen wurden, den Zurückkehrenden etwas Schweinefreies verkaufen wollte. Er übertrug das Rezept der Frankfurter Bratwurst (heute weitgehend ausgestorben) auf Rind und machte prima Geschäfte.

Von Frankfurt nach Ludwigshafen. Oder in jede Industriestadt, wo die radikale Umverteilung von unten nach oben desolate Zustände geschaffen hat. Der Autor arbeitet hier in zwei Slums, die seit Jahrzehnten von der Hölle würdigen Menschenfeinden aus der Verwaltung in einem Zustand gehalten wurden, den schon Charles Dickens im alten London für überwunden hielt. Ja, tatsächlich, auch hier nehmen Menschen Nahrung zu sich, wer hätte es gedacht! Greifen wir zwei Mahlzeiten heraus: a) Den Willi-Burger. Lidl-Brötchen aufschneiden, beide Seiten dick mit Schmalz beschmieren, geschnittene Zwiebeln dazwischen, pfeffern, salzen, das war´s. b) Kinderessen. Wenn die Kleinen aus der Schule kommen, Aldi-Maultaschen kalt aus der Packung quetschen, Ketchup dazu.

Während a) durchaus dem Bereich der Hausmannskost zuzuordnen ist, stellt b) einen plumpen Sattmacher aus dem traditionslosen Ex-Arbeitermenü dar. Wenn man an nichts anderes gewöhnt ist, geht auch das – es macht halt krank. Wir halten mitten im Gebiet eine Kochgruppe vor, wo wir vorwiegend auf Rezepte aus dem a)-Sektor zurückgreifen. Problem: Ohne Verwendung von Giftfleisch aus Tierfolter funktioniert das nicht. 25 € für bis zu 30, 35 Personen. Was soll man kochen?

Eintopf. Bohnensuppe zum Beispiel. Speckwürfel und viele Zwiebeln mit ebenfalls viel Knoblauch und Öl im Riesentopf anschwitzen, Tomatenmark und scharfes sowie mildes Paprikapulver, falls vorhanden Suppengemüse, abgespülte weiße Dosenbohnen, etwas Essig, Kümmelpulver nicht vergessen, kochendes Wasser, köcheln lassen. Terrorwurststückchen rein: Wiener, Debreziner, egal. So viel wenig nötig, so wenig wie möglich, ohne einen Volksaufstand auszulösen. Nachwürzen? Mit Maggi!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.