Tageskarte

Tageskarte 16: Pandorato

Wollten wir uns einmal mehr am Themenrahmen der Buchselbstkritik orientieren, gäbe es heute keine Wahl: Maultaschen. Klassisch oder grün und gefüllt mit Lachs oder … Halt! Wer ruft? 470.117 schwäbische Hausfrauen und 51.683 Hausmänner? Mindestens. Denn alle kennen sie das Rezept. Das einzige. Und alleinseligmachende. Nicht nur einmal war ich zugegen, wenn sich zweie in die Haare gerieten. „Waaas? Ihr nämmet Woibärgsgries? Noi, däs gäht jo itte gor net.“ – „Ah so? Ei, was duten Ihr donn nämme, wonn i froge därf?“ – „Ei Spinat nadierlich.“ – „Spinooot? Ei i wärr verrickt, des dät mr niiiie in´d Mauldasch neikumme …“ Etc. p. p.

Ein Glück, das wir sowieso keine Zeit haben, wir machen ja Kur, und da darf die Zubereitung einer Mahlzeit eine Stunde nicht überschreiten. Den Zwiebelrostbraten (s. Maulbronn-Krimi Aqua Asini) können wir heute auch nicht anfertigen, ist ja kein Sonntag. Außerdem, jener Barrique-Lemberger, der als Begleitung nötig wäre, kostet nicht nur viel zu viel, sondern passt zu einer Reha überhaupt nicht. Also mittags.

Weichen wir einmal mehr gen Süden aus und entdecken eines der zahllosen Rezepte, das die Überführung von heiligem Brot in profane Mülleimer verhindern hilft. Pandorato, vergoldetes Brot! Das darf schon ein paar Tage auf der rauen Rinde gelegen haben, kein Problem. Wir weichen es sowieso ein: in Milch. Vorher sägen wir es aber mit einem gekonnten Schmetterlingsschnitt zurecht, also Scheibe nicht ganz durchschneiden, Messer ein fingerbreit daneben noch mal ansetzen und jetzt ganz durch. Und befüllen! Mit Käse und Schinken, je nach Brotsorte: Je dunkler, desto roher der Schinken, desto bergiger der Käse; je heller, desto gekochter … und der Käse darf ruhig ein Mozzarella sein.

So. Bitte aus der Milch herausheben, vorsichtig wie den Täufling aus dem Becken. Kurz in Mehl wenden (nicht den Täufling!), und in gewürztem, verkleppertem Ei wälzen. Von beiden Seiten backen – Butter-Olivenöl-Mischung empfiehlt sich – und auf dem Teller mit Salätchen drapieren. Optisch sowie geschmacklich liegt das Wiederverwertungsgericht in etwa mittig zwischen Maultasche und Pizza. Merke, kein Kind der Welt wird es verabscheuen. Es sei dann, es liebt Tiere gar zu sehr. Dann einfach den Schinken weglassen. Merkt man eigentlich sowieso kaum.

Das durchaus allen bekannte Grundlagenwerk „Die Echte Italienische Küche“ verortet Pandorato nach Latium bzw. Sardinien und preist die Zugabe von Sardellen für die Füllung an. Na ja, muss nicht sein, darf aber. Interessanter wäre, welchen Wein wir dazu wählten, wenn wir könnten: einen liebestollen Asciutto, einen zurückhaltenden Frascati, einen Vernaccia? Oder doch besser Cannonau bzw. Nuragus? – Was sagt denn der Keller?  Oh, das sag ich lieber nicht.

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