Tageskarte

Tageskarte Tag 2

„Doch an den Fensterscheiben, wer malte die Blätter da? Ihr lacht wohl über den Träumer, der Blumen im Winter sah?“ Ja, ganz genau, es ist noch eisig morgens; doch wer entsinnt sich des Titels des elften Liedes der Winterreise? Richtig: Frühlingstraum. Spätestens heute Abend löst sich das Versprechen ein, wenn die Amseln proben. Wir aber wollen vorher schon den Vorvorfrühling beschwören – und das machen wir mit einem Rezept aus dem „Bergstraße Weinlesebuch“, s.u.

Kochkäse! Was der mit dem Frühjahr zu tun hat? Langsam, bitte. Immer noch entbehren zahlreiche Regionen dieses Wunderwerks, schlimmer noch, die meisten Leute „kennen“ den gelben nur in seiner klebrigsten Form: aus der Plastikpackung im Kühlregal. Das ist Dichtungsmasse, meine Lieben!

Nee, nee, im Kochkäs wohnen zweierlei Geheimnisse, die wir sogleich preisgeben wollen. Zum einen, man kann ihn tatsächlich selber herstellen. Im Odenwald und Unterfranken versteht man sich heute noch darauf, wobei die kalorienärmste Art nur mit Rohmilch gelingt, am besten hat man auch noch einen alten Kohleofen und lässt die Masse irgendwo hinten im Eck einfach stehen.

Klappt bei uns leider nicht. Also geben wir in einen Topf 200 ml süße Sahne, 200 g Handkäse, 200 g Schmelzkäse (geht leider nicht anders) sowie 100 g Butter und erhitzen das alles unter geschmeidigem Rühren, bis es köchelt. Vom Herd nehmen, Messerspitzchen Natron dazu, nochmal kurz aufkochen, beiseite stellen. Das Zeug wird ziemlich fest, weswegen wir´s vor dem Schmaus bei 50 Grad kurz in den Backofen stellen.

Geheimnis zwei: Wozu verwende ich den K. in all seiner Viskosität? Wir machen Musik dazu: Essig, Salz, Zwiebeln, Öl, Pfeffer, Schuss Riesling. Die Säure verändert die Kochkäsestruktur in süffisanter Weise, kurz, er wird noch flutschiger. Außerdem braten wir uns ein paar Bratkartoffeln dazu, heiß und kross und heben den Kochkäse dort hinauf. Ei, wie der hübsch verläuft! Freilich, im hohen Odenwald knallt man die Masse auf ein paniertes Schnitzel oder zwischen zwei saftige Bratwürste, manche veredeln die Sache noch mit einer brauen Zwiebelschlonze. Klar, schmeckt prima, ist wochentags aber nicht nötig.

Und der Frühling? Gemach, da kommt er doch schon: Wir haben einen freundlichen Salat erworben, den wir mit Borretsch, Dill, Schnittlauch, Schmand, Essig, Öl und Salz und Pfeffer anmachen. Mit Bratkartoffeln und dem bereits mehrfach erwähnten Kochkäse zusammen ein Hochgenuss, der nur noch gesteigert werden kann, wenn wir ein Gläschen Bergsträßer dazu trinken, etwa einen Riesling Granit von Simon-Bürkle, Zwingenberg.

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