Tageskarte

Tageskarte Tag 3

Nachdem ich damals das Gesamtwerk Johann Wolfgang Goethes ausgelesen hatte … Halt! Stopp! Angeber! Natürlich waren es immer nur Teile, Werther und Faust zu früh, Tasso zu spät, genau zur rechten Zeit aber die Wahlverwandtschaften … was ich sagen wollte: Zuerst fällt mir ein Gedichtanfang ein, der alles verkörpert, was mit Jugend, Aufbruch usw. in Verbindung steht: „Mir schlug das Herz, geschwind zu Pferde …“ Logisch, das war der ganz junge Goethe. Sesenheim, Elsass, alles klar?

Im weiter unten erwähnten „Südpfalz Weinlesebuch“ kommt immerhin das nördlichste Zipfelchen dieses Landstrichs vor, der gottlob zu Frankreich gehört; die Deutschen hätten das Elsass genauso schnöde zugebaut wie rechtsrheinisch, wo man die Dörfer vor lauter Neubau nicht mehr findet. Vieles hat sich da drüben besser erhalten, genauer: Man hat sich darum bemüht, in einer guten Mischung aus Sturheit und Stolz.

Die der Südpfälzer Grenze am nächsten gelegene Ferme Auberge heißt Moulin des Sept Fontaines. Manches gibt es auf der Karte zu bestaunen, ganz anders bestückt als in den – ebenfalls überaus angenehmen – Weinstuben zwischen Schweigen und Lachen in der Pfalz. Zur Magret de Canard wird etwas gereicht, das wir so nicht kannten … und doch sofort auf unseren Speisezettel übernahmen: Grumbeerknepfle!

In Größe und Konsistenz auf halben Weg zwischen Gnocchi und Thüringer Klößen, sind sie leicht herzustellen und werden auf so sättigende Weise serviert, dass wir uns die Entenbrust sparen können: Von 700g mehlig kochenden Kartoffeln werden 500 g gekocht, gepellt, zerstampft. Den Rest reiben wir (autsch!), drücken den Bribbel in einem Geschirrtuch aus und versetzen ihn mit 1 Ei sowie sehr klein gehackter Petersilie, Muskat, Salz, Pfeffer – und 50 g Mehl. Alles wird gut vermengt, zu Mini-Knödeln geformt und in 10 Minuten im Salzwasser gar gesimmert.

Aber jetzt kommt’s: Inzwischen haben wir nämlich eine Béchamelsauce (mit Knoblauch!) geschaffen, nicht zu fett, weil mit gehörigem Anteil Gemüsebrühe. Eine auf jeden Fall elsässische Keramikform mit Hansi-Motiven bitte buttern, Knepfle rein, Soße drüber, Käse drauf, am besten geriebenen vom Berge. Ordentlich überbacken, feinen Feldsalat mit einer Vinaigrette aus Zwiebeln, Himbeeressig, Salz, Dijon-Senf, Walnuss-Öl, Pfeffer und einem Klacks Creme fraiche dazu – da fällt mal wieder keinem auffällt, dass die Mahlzeit eigentlich vegetarisch ist. Und der Wein? Tokay Pinot Gris natürlich, mittlerweile ohne „Tokay“, das haben die spießigen Ungarn den Elsässern weggeklagt, Grauburgunder halt, gern auch aus der Südpfalz, aber bitte geschmeidig-seidig. Gewürztraminer tut´s, Muskateller von mir aus, aber keine Scheurebe.

2 thoughts on “Tageskarte Tag 3”

  1. Sehr geschätzter Herr Hucke,

    warum scheuen Sie vor Vitis vinifera?
    Wenn der Winzer kann, dann erzeugt er mit der Pressurage eine wunderbare Vermählung zwischen Bukett und Riesling…

    Avec respectueuses salutations

    Madame Argenté

    1. Verehrte Madame Argenté,
      verzeihen Sie bitte, dass ich erst jetzt antworte!
      Wohl vor manchem habe ich schon gescheut, das gebe ich zu: vor Stichwaffen im Pausenhof, vor gewissen Gerüchen im Hinterhof, ja sogar vor Pferden auf dem Pferdehof. Aber vor vitis vinifera, der Weinrebe, doch wahrlich nie! (Es sei denn, der Wein war schlecht.) Meinen Sie aber die Rebsorte Scheurebe, so scheue ich insgesamt nicht davor zurück – nur in Kombination mit dem erwähnten Gericht empfinde ich die genannten Weine einfach passender.
      Verbindlichsten Dank für den Kommentar und alles Schöne,
      Ihr
      Johannes Hucke

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